Methoden und Perspektiven

Personen können wir nicht nur erklären, wir müssen sie auch verstehen

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Vor über einhundert Jahren hat Wilhelm Dilthey in den Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (1894) den oft zitierten Gedanken formuliert, dass in den Naturwissenschaften erklärend und in den Geisteswissenschaften verstehend vorgegangen wird, um zu wissenschaftlichen Ergebnissen zu kommen. Ausgehend von dieser Unterscheidung war er bemüht, die Hermeneutik (die Kunst des richtigen Auslegens und Interpretierens) als Fundament geisteswissenschaftlicher Methodologie auszuarbeiten.

Die Personale Medizin kann hinsichtlich ihrer methodischen Ausrichtung bei Dilthey und seinen Nachfolgern in der Hermeneutik – zum Beispiel bei Hans-Georg Gadamer in Wahrheit und Methode (1960) oder bei Jürgen Habermas in Erkenntnis und Interesse (1968) – Anleihen nehmen. Eine Medizin, die kranke Personen und nicht bloß Krankheiten diagnostizieren und therapieren will, muss erklärend und verstehend zugleich vorgehen. Erklärend, um die somatischen Befunde in Maß und Zahl erheben zu können, die uns Auskunft über den Zustand eines Organismus (Hyle, Bios) geben; und verstehend, um die psychosozialen und geistigen Aspekte wahrzunehmen und einzuordnen, welche die Personalität des Patienten widerspiegeln (Psyche, Logos).

Einen derartigen Zugang zum Patienten als Person nennen wir bi-perspektivisch. Die eine Perspektive legt anatomische, physiologische und biochemische Strukturen, Prozesse und Mechanismen frei (Hyle und Bios betreffend), wohingegen es die andere Perspektive erlaubt, bei demselben Patienten und hinsichtlich seines Symptoms lebensgeschichtlichen Sinn und situative Bedeutung zu erkennen (Psyche und Logos betreffend). Beide Perspektiven ergänzen sich und gelangen im günstigen Fall im dauernden Wechsel zur Anwendung, so dass einseitige Fixierungen auf entweder körperlich oder seelisch krank vermieden werden.

Der Heidelberger Psychosomatiker Viktor von Weizsäcker hat in diesem Zusammenhang vom Drehtürprinzip gesprochen und betont, dass sich Arzt und Patient zum jeweiligen Zeitpunkt immer nur entweder im somatisch-biologischen oder aber im seelisch-geistigen Raum aufhalten können. Beide Räume sind wie mit einer Drehtür verbunden, und es sei schon viel gewonnen, wenn sich beide Protagonisten – Arzt und Patient – jeweils gemeinsam von dem einen in den anderen Raum bewegen. 

 

Häufig jedoch sind die diagnostischen und therapeutischen Räume von Arzt und Patient getrennt, und oft genug ist die Beweglichkeit der sie verbindenden Drehtüre eingeschränkt – eine Einschränkung, zu der nicht nur der jeweilige Diagnostiker und Therapeut, sondern auch institutionelle und strukturelle Belange innerhalb des Medizinalsystems beitragen. 


So sind Aus-, Fort- und Weiterbildungen von Ärzten, Pflegenden, Physiotherapeutinnen etc. nicht selten dem somatisch-naturwissenschaftlichen Paradigma verpflichtet und vernachlässigen psychosoziale und soziokulturelle Dimensionen von Krankheit und Gesundheit. Analoges gilt für Psychologinnen und Psychotherapeuten, die in ihrer Sozialisation nicht selten nur mit psychosozialen anthropologischen Konzepten unter Ausklammerung biomedizinischer Belange konfrontiert werden.