Geschichte der Medizin 

von damals bis heute ...

Bereits in der griechisch-antiken Medizin galt es als hoher Wert, jeweils die individuelle Krankheit und Gesundheit von Einzelnen zu erfassen und (mit den beschränkten damaligen Mitteln) zu behandeln. So sehr wir heute über manche seinerzeitigen medizinischen Konzepte lächeln, so sehr deklariert die Personale Medizin die Kunst des Individualisierens als eine bedeutsame und wesentliche Herangehensweise an jeden Patienten. Mögen sich auch Krankheiten ähneln, unterscheiden sich doch die jeweiligen Kranken eklatant. Den kranken Menschen als je Einzelnen mit vielen seiner persönlichen Facetten zu diagnostizieren und zu behandeln, ist erklärtes Ziel der Personalen Medizin.

Ebenfalls schon in der griechischen Antike war zu beobachten, dass sich medizinisches Handeln und philosophische Reflexion nicht ausschlossen, sondern im Gegenteil gegenseitig befruchteten. Viele Phänomene der Medizin (Körper, Seele, Leben, Tod, Krankheit, Gesundheit, Leid, Lebensqualität etc.) bedeuteten für die antiken Philosophen Anlass zu umfänglichen Überlegungen, wie andererseits die griechisch-antike Philosophie Konzepte formulierte, die sich für den medizinischen Alltag als inspirierend erwiesen (die stoische Ataraxie, also die Meeresstille der Seele; das epikureische Carpe diem; der Begriff des Maßes etc.). 

Diese Verbindung von medizinischer Handlungs- und philosophischer Reflexionsebene bedeutet für die Personale Medizin heutzutage ähnlich wie etwa in der griechischen Antike eine reizvolle Herausforderung. Mit solchen Beiträgen zu einer Theorie der Humanmedizin findet die Personale Medizin Anschluss an die Medical Humanities.


Im 17. und besonders im 18. Jahrhundert tendierte die abendländische Medizin dazu, die Ideale der Aufklärungszeit – nüchterne Vernunft, Zweifel und Skepsis hinsichtlich spekulativer Konzepte der Natur und des Menschen – für ihre eigene Theorie und Handlungsweise zu übernehmen. Als ein Resultat dieser Denkungsart entstand etwa das Konzept von l’homme machine (Julien Offray de La Mettrie) – das Paradigma vom Menschen als Maschine, das bereits von René Descartes im 17. Jahrhundert vorformuliert worden war.

Die Verbindung von medizinischer Handlungs- und philosophischer Reflexionsebene

So sehr dieses Konzept auf den ersten Blick etwas Vereinfachend-Reduktionistisches an sich hatte, so sehr hat es sich im 19. und 20. Jahrhundert in der Medizin als folgenreich erwiesen. Die Orientierung der Schulmedizin an den Naturwissenschaften Biologie, Chemie und Physik (in Form von Anatomie, Biochemie und Physiologie) lag auch deshalb nahe und wurde zur wesentlichen Weichenstellung für die späteren Erfolge, weil sie der Formel l’homme machine entsprach und ihr entgegenkam.

 

Die Geistes- und Kulturgeschichte Europas ist von wiederholt auftretenden, nicht selten dialektisch aufeinander bezogenen Pendelbewegungen charakterisiert. Eine solche Bewegung ließ sich um 1800 und in den Jahren danach als Reaktion auf die nüchterne Beschreibung des Menschen als (komplex-biologische) Maschine in Form der romantischen Medizin beobachten.


Vertreter der romantischen Medizin – z.B. Carl Gustav Carus, Novalis, Hufeland, Hahnemann, Albrecht von Haller, Oken oder Brown – wandten sich gegen alle reduktionistischen Tendenzen und betonten neben den körperlichen vor allem auch die seelischen und geistigen Qualitäten des Menschen, seine bewussten wie unbewussten psychischen Prozesse. 

 

Beachtung verdient das anthropologische Konzept Johann Heinroths, der in seinen Schriften erste Anläufe zu einer personalen Heilkunde unternahm. Er sprach von der Ichheit oder Persönlichkeit des Menschen, den er sowohl als Natur- wie auch Kulturwesen beschrieb. Heinroth wehrte sich gegen eine Trennung in eine physische und psychische Anthropologie sowie gegen eine Unterscheidung der Ärzte in Somatiker und Psychiker. Man kann ihn als frühen Theoretiker einer psychosomatischen (im Sinne von integralen) medizinischen Anthropologie bezeichnen.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts schwenkte das Pendel von Theorie und Anthropologie der Medizin nachhaltig in eine somatische Richtung. Physik, Chemie, Biologie sowie Physiologie, Biochemie und Anatomie wurden die unbestrittenen Grunddisziplinen der Heilkunde. Dies wirkte sich auf die pathogenetischen Modelle ebenso wie auf die diagnostischen und therapeutischen Konzepte und auch auf das Menschenbild der Medizin aus.

 

Geprägt vom Zeitgeist bedingten Positivismus, Materialismus und Darwinismus formulierten Ärzte wie Dubois-Reymond und Ernst Brücke (Physiologie), Rudolf Virchow (Zellularpathologie), Emil von Behring (Humoralpathologie), Louis Pasteur und Robert Koch (Mikrobiologie) sowie Paul Ehrlich (Immunologie) überzeugende, naturwissenschaftlich untermauerte Lehren vom kranken und gesunden menschlichen Körper, die sich – unterstützt von neuroanatomischen Forschungsergebnissen Paul Brocas, Carl Wernickes, Alois Alzheimers und Ramón y Cajals – sogar auf psychische und psychiatrische Krankheiten ausdehnen ließen. 

 

Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man eine neuerliche Pendelbewegung konstatieren, die innerhalb der somatischen Medizin, genauer in der Neuroanatomie und -physiologie ihren Ursprung hatte und zuletzt in eine neue Form der medizinisch-psychologischen Diagnostik und Therapie einmündete: die Psychoanalyse Sigmund Freuds.

 

Freud war ein eigenwilliger Nachfahre der Aufklärer des 18. Jahrhunderts und ein naturwissenschaftlich exzellent ausgebildeter Arzt, der darüber hinaus mit der Geistes- und Kulturgeschichte Europas bestens vertraut war. Man mag von psychoanalytischen Begriffen und Konstrukten halten, was man will – das Anliegen Freuds, einzelne Patienten wie auch Sozietäten und ihre Kulturen instand zu setzen, vernünftig über sich nachzudenken und so einen Prozess der Selbstaufklärung zu bestreiten, findet sich auch in der Personalen Medizin wieder. 


Die Stimme der Vernunft ist leise, meinte Freud; aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft. Damit waren Selbstvergewisserung und Selbstermächtigung zu zentralen Anliegen der psychoanalytischen Aufklärungs-Bemühungen avanciert und zielten vor allem auch auf unbewusste, irrationale Anteile und Aspekte der Betreffenden ab. 

 

Ähnlich wie Freud beabsichtigt auch die Personale Medizin eine Atmosphäre von Aufklärung und Vernunft, Emanzipation und Kritik zu etablieren, in der für Patienten wie für alle in der Medizin Tätigen Prozesse von Selbst-, Menschen- und Weltkenntnis ermöglicht werden. Die Aufklärungsbemühungen umfassen dabei Rationales wie Irrationales, Bewusstes wie Unbewusstes sowie Persönlich-Individuelles und Sozial-Kulturelles. Das kritische Interesse und Potential darf deshalb auf die eigene Werdens-Geschichte ebenso wie auf Kulturanalyse und die sozioökonomischen Rahmenbedingungen von Krankheit und Gesundheit abzielen.

 

Das 20. Jahrhundert sah neben der Psychoanalyse noch andere differenzierende Ausweitungen von anthropologischen Konzepten in der und durch die Medizin. Einerseits beeinflussten die Philosophie (Lebensphilosophie, Phänomenologie, Existenzphilosophie, Philosophie der Sprache und Symbole sowie Hermeneutik), Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Biologie (Hans Driesch, Adolf Portmann, Jacob Johann von Uexküll), Anthropologie (Helmuth Plessner, Frederic Buytendijk, Arnold Gehlen) sowie die Künste maßgeblich das Bild vom Menschen auch im Bereich der Heilkunde. 

Andererseits sorgten Ärzte (und Psychologen) wie Sigmund Freud, Alfred Adler und C.G Jung (Tiefenpsychologie), Karl Jaspers, Erwin Straus und Viktor Emil von Gebsattel (philosophisch geprägte Psychiatrie), Ludolf Krehl, Viktor von Weizsäcker, Georg Groddeck, Ernst Simmel, Franz Alexander, Flanders Dunbar, Kurt Goldstein, Alexander Mitscherlich, Arthur Jores (Psychosomatik), Gustav von Bergmann (funktionelle Pathologie), Medard Boss und Ludwig Binswanger (Daseinsanalyse), Walter Cannon, Hans Selye und Richard Lazarus (Stressmodell) für eine Fülle von innovativen Beschreibungen des Menschen und seines Wesens in Krankheit und Gesundheit.

So erfolgreich die Sicht- und Herangehensweise in der Schulmedizin der vergangenen Jahrzehnte zur Anwendung gelangte, so sehr wurde und wird dieses Paradigma von Patienten wie auch von im Medizinalbereich Tätigen als nicht hinreichend in Frage gestellt. So entwickelte vor allem die Psychosomatik Mitte des letzten Jahrhunderts ein erweitertes anthropologisches Konzept, das biopsychosoziale Modell des Menschen. Nicht nur Krankheiten, sondern kranke Menschen sollten in ihren körperlichen wie auch seelischen und sozialen Aspekten wahrgenommen, diagnostiziert und falls nötig auch therapiert werden.

Die Personale Medizin darf als Weiterentwicklung der psychosomatischen Innovationen und des biopsychosozialen Anthropologie-Modells verstanden werden. Sie übernimmt aus der Psychosomatik die grundsätzliche Orientierung an der subjektiven Seite von Krankheit und Gesundheit (z.B. Krankheitskonzept des Patienten; Coping-Strategien; Stimmungen und Verstimmungen; Narzissmus und Selbstwertregulation; Befindlichkeit) und verknüpft diese Seite mit den biomedizinischen Befunden des Patienten. Außerdem integriert sie Konzepte und Ideen wie sprechend-zuhörende (narrative) Medizin, Heilkunde der Beziehung (Resonanz, Passung), Erweiterung des therapeutischen Spektrums (Gesprächstherapien, Kreativtherapien, körperzentrierte Verfahren) und der wissenschaftlichen Fragestellungen (z.B. Psychoneuroimmunologie, Psychokardiologie, Psychoonkologie).