BEZIEHUNGEN

Die Entfaltung und Stabilisierung des personalen Niveaus von Menschen ist von tragfähigen und anregenden Kontakten zu den Mitmenschen abhängig, die den Einzelnen als Person anerkennen, verstehen und entsprechend würdevoll behandeln. Im entgegengesetzten Fall können die Dimensionen der Personalität erheblich schrumpfen, wenn Einzelne in personwidrige soziale Umstände geraten.


DIes hat Konsequenzen für die Medizin 

Sobald ein Patient das Medizinalsystem aufsucht, haben Ärzte und Pflegende es mit dem Faktum seines Körpers (Hyle, Bios) zu tun, und diesem Faktum werden sie in der Regel gerecht, wenn sie eine solide Aus- und Weiterbildung hinsichtlich der somatischen Belange des menschlichen Organismus absolviert haben. 

Ob sie allerdings über das Faktum des Patientenkörpers hinaus auch das Fakultativum seiner Person (Hyle, Bios, Psyche, Logos) erspüren, ist nicht sicher. Dazu sind Ärzte, Pflegende, im Medizinalsystem Tätige nötig, die in der Lage sind, Personalität bei sich und am Gegenüber wahrzunehmen, gelten zu lassen und als Thema ihrer Obhut zu begreifen.

Nicolai Hartmann hat in seiner Ethik (1926) das Konzept des liebenden Blicks eingeführt, das in der Umsetzung dieser Aufgabe hilfreich sein kann. Dieses Konzept beschreibt Liebe als einen Erkenntnisvorgang, bei dem der Andere im Zentrum seiner sozialen und geistigen Welt hinsichtlich seiner momentanen Realität wie auch seiner zukünftigen Potentialität wahrgenommen wird. Diese Erkenntnisart sei die Voraussetzung für grundlegende Akzeptanz eines Gegenübers.

Den liebenden Blick wollte Hartmann nicht mit einem süßlichen, verklärenden oder illusionären Blick verwechselt wissen. Voraussetzung dafür, beim anderen dessen Entwicklungspotential adäquat einschätzen zu können, ist vielmehr eine tiefe Verwurzelung im Realitätsprinzip, die eine Ermutigung und Förderung des Gegenübers an der richtigen Stelle und im richtigen Ausmaß erlaubt und vor Verkennung schützt. Die Fähigkeit zur Realitätsüberprüfung darf als ebenso wesentliches Lernziel bei der Ausbildung von Ärzten berücksichtigt werden wie deren Fähigkeit, im Gegenüber dessen potentielle Entwicklungen zu erspüren.

Personen sind Du sagende Iche. Diese Formel vom Du sagenden Ich stammt von Martin Buber aus Das dialogische Prinzip (1954). Will jemand seine Personalität entwickeln, kann er dies nur innerhalb von Ich-Du-Beziehungen. Die Ich-Du-Wirklichkeit ist der tragende Boden, auf dem sich das existentielle Sein und Wirken der Person ereignet. 

 

Der amerikanische Psychiater Harry Stuck Sullivan pflegte in Die interpersonelle Theorie der Psychiatrie (1953) zu sagen, jeder Mensch habe so viele Iche, als er wesentliche mitmenschliche Beziehungen habe. Jedenfalls ist Rede und Gegenrede, Ruf und Echo, Gefühlsäußerung und Gefühlserwiderung das Element, in dem die Person atmen, wachsen und sich entfalten kann.

Dies lässt sich an der kindlichen Entwicklung beobachten. Das Ich und die Person sind nicht unmittelbar nach der Geburt ausgebildet. Zunächst kommt der Mensch als mehr oder minder animalisches Wesen zur Welt (human being). Die intensive Pflege und Zuwendung durch Eltern und andere emotional ansprechende Mitmenschen ermöglicht ihm nach und nach die Ich-Bildung (character, self). 

Dabei werden viele spontane Lebensäußerungen des Kindes durch die Reaktionen der Eltern und Erzieher in die Sphäre von Mitteilung, sozialem Austausch und Dialog transferiert. In zwischenmenschlichen Beziehungen wächst das keimhafte Gemeinschaftsgefühl des Kindes zu menschlicher Solidarität und interpersoneller Sicherheit heran. Die stabile Integration des Einzelnen in eine tragfähige soziale Umwelt und in eine auf Gemeinsamkeit hin angelegte Wir-Intentionalität (Tomasello, M.: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation (2008), Frankfurt am Main 2009; ders.: Warum wir kooperieren (2009), Berlin 2010) stellt ein nicht zu überschätzendes Fundament für die Entwicklung der Personalität dar.

Ohne das kontinuierliche Erleben von Mitmenschlichkeit und sozialer Nähe mögen Menschen bei sich eventuell scharfen Intellekt und hohe kognitive Fertigkeiten entwickeln – ihre Personalität gedeiht dabei jedoch nur einseitig oder verkümmert. Die authentisch und verlässlich erlebte zwischenmenschliche Zuwendung und Solidarität sind ein wesentliches Fundament der Person; mangelt es an ihnen, bewegt sich der Einzelne im emotionsarmen Raum.

 

Der Schweizer Psychiater und Daseinsanalytiker Ludwig Binswanger hat die Notwendigkeit sozialer Einbettung für die Entwicklung der Personalität in seinem Konzept der anthropologischen Proportion zum Ausdruck gebracht. Er ging davon aus, dass man beim Menschen ein Wachstum in die Weite (soziale Kontakte) und in die Höhe (Ehrgeiz) unterscheiden könne. Für die Personalität förderlich sei eine Existenzbewegung, die sowohl in die Breite (zu den Mitmenschen hin) als auch nach oben (Intellektualität, beruflicher Erfolg) ausgerichtet ist.

 

Unter anderem in Henrik Ibsen und das Problem der Selbstrealisation in der Kunst (1949) hat Binswanger gezeigt, dass eine ungünstige anthropologische Proportion (zum Beispiel vermindertes Breitenwachstum) nicht nur die Personalität eines Menschen unterminiert, sondern sogar den Boden für Erkrankungen bereitet. An Henrik Ibsens Figur des Baumeisters Solness aus dessen gleichnamigen Stück demonstrierte Binswanger, inwiefern Selbstüberschätzung, Größenideen, Schwindelneigung, Höhenangst und schlussendlich ein tödlicher Unfall als Folgen einer anthropologischen Disproportion zu verstehen sind.

 

Das Faktum, dass Personalität auf Zwischenmenschlichkeit fußt, ist für die Medizin von hoher Relevanz. So sollte bei jeder Anamnese- und Diagnose-Erhebung ausführlich die soziale Verankerung des Patienten erfragt und beurteilt werden. Vereinsamung oder zwischenmenschliche Kälte gefährden das personale Niveau des Betreffenden im Hinblick auf seine seelisch-geistige wie auch auf seine körperliche Verfassung. Eine jüngst von Julianne Holt-Lunstad et al. publizierte Metaanalyse wies sogar nach, dass der Mangel an stabilen zwischenmenschlichen Beziehungen die Lebenserwartung eklatant reduziert (Holt-Lunstad, J., Smith, T.B. und Layton, J.B.: Social Relationship and Mortality Risk – A Meta-analytic Review, in: PLoS Medicine, Volume 7, 2010).

 

Ein wesentlicher therapeutischer Aspekt der personalen Medizin besteht darin, zwischen Patienten, Ärzten, Psychologen, Pflegenden, Spezialtherapeutinnen interpersonelle Beziehungen zu ermöglichen, die an gelungene Ich-Du-Beziehungen zwischen Kindern und Eltern erinnern, und die von Mütterlichkeit, ein- oder vorausspringender Fürsorge, Nähe, Schutz und Geborgenheit geprägt sind. 


Nicht immer haben diese Gesichtspunkte in der Heilkunde der letzten Jahrzehnte ähnliches Gewicht erhalten wie die sinn- und wirkungsvollen Neuerungen auf dem Gebiet der Technik. Die High-Tech-Medizin muss jedoch von Solidarität, Zwischenmenschlichkeit und mütterlichem Prinzip getragen werden, wenn sie nicht den Ruf der seelenlosen und a-personalen Apparate-Medizin bestätigen will, der ihr allenthalben bereits anhängt.